Gesundheitskompetenz und Versorgungskontinuität Dialysepflichtige Menschen stehen vor einer Therapie, die ihren Alltag stark einschränkt und sowohl physische als auch psychische Belastungen verursacht. Advanced Practice Nurses (APN) unterstützen Patient*innen dabei, Selbstmanagementkompetenzen zu entwickeln und die Versorgungssicherheit zu erhöhen.
In Deutschland sind etwa 82.000 Patient*innen auf eine Dialysebehandlung angewiesen. Die Hämodialyse ist dabei das mit Abstand am häufigsten verwendete Verfahren, während die Peritonealdialyse deutlich seltener zum Einsatz kommt. Die Diagnose eines terminalen Nierenversagens sowie der Beginn einer Dialysetherapie sind für Betroffene mit erheblichen physischen und psychischen Belastungen verbunden. Die regelmäßig mehrmals wöchentlich stattfindenden, über mehrere Stunden dauernden Behandlungen beeinträchtigen Freizeitgestaltung, soziale Teilhabe, berufliche Aktivität und Ernährung erheblich. Hinzu kommen Symptome wie Juckreiz, Appetitlosigkeit sowie Müdigkeit. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Rolle von Advanced Practice Nurses (APN) zunehmend an Bedeutung. APN übernehmen erweiterte Aufgaben innerhalb der professionellen Pflege, die über eine rein verrichtungsorientierte Tätigkeit hinausgehen und sich stärker an komplexen gesundheitlichen Unterstützungsbedarfen ausrichten.
Stärkung der Selbstpflege
Eine effektive Dialysetherapie setzt Selbstmanagementfähigkeiten und ausreichende Gesundheitskompetenz voraus. Dazu zählen unter anderem die sorgfältige Überwachung des Gefäßzugangs, die Einhaltung von Flüssigkeitsrestriktionen sowie die frühzeitige Erkennung potenzieller Komplikationen. Zu Beginn treten häufig Ängste und Unsicherheiten auf, die nachweislich die Lebensqualität beeinträchtigen.
Gezielte Beratungs- und Anleitungskonzepte sowie eine kontinuierliche pflegerische Begleitung während des Krankenhausaufenthalts tragen dazu bei, Patient*innen im Umgang mit den komplexen Anforderungen der Dialysetherapie zu schulen. So können sie beispielsweise Veränderungen am Gefäßzugang frühzeitig erkennen, den eigenen Flüssigkeitshaushalt sicher regulieren und potenzielle Komplikationen angemessen einschätzen. Eine solche Stärkung der selbstpflegerischen Kompetenzen kann dazu beitragen, das Risiko unerwünschter Ereignisse zu verringern. Die erweiterte Rolle der APN setzt hier an. Sie schulen Patient*innen praxisnah, fördern individuelle Bewältigungsstrategien und helfen, physiologische und psychosoziale Anforderungen der Dialysetherapie zu verstehen und reflektieren. Durch engmaschige Beobachtung und gezielte psychosoziale Unterstützung stärken sie das Vertrauen der Patient*innen in den eigenen Umgang mit der Erkrankung. Ein zentraler Bestandteil ist zudem die koordinierende Kommunikation mit Angehörigen sowie Pflegeheimen und ambulanten Diensten, um eine konsistente, bedarfsorientierte Versorgung über Sektorengrenzen hinweg sicherzustellen. So erhöhen APN die Gesundheitskompetenz und unterstützen ein selbstbestimmtes Therapiemanagement.
Implementierung und Rollenentwicklung
Die Entwicklung von APN-Aufgaben im klinischen Setting erfolgt anhand des PEPPA-Frameworks (Prozess zur Entwicklung, Implementierung und Evaluation der Rolle der APN), welches besondere Versorgungsbedarfe erfasst. Im Rahmen der Rollenentwicklung betreiben APN angewandte Pflegeforschung und führen den Pflegeprozess für ausgewählte Patientengruppen evidenzbasiert durch. Hierzu werden qualitative Forschungsmethoden wie biografische Interviews, Fokusgruppen oder teilnehmende Beobachtungen eingesetzt, ergänzt durch evidenzbasierte Assessments, um die individuelle Versorgungssituation und Bedarfe zu erfassen. Auf Basis dieser Informationen planen APN gezielte pflegerische Maßnahmen, die sowohl die Einschätzungen der Patient*innen und Angehörigen als auch evidenzbasierte Erkenntnisse und die Expertise anderer Gesundheitsfachberufe berücksichtigen.

© Mario Haase
APN bei der Beratung und Aufklärung
Die Interventionen reichen von Beratung und Anleitung über klinische Beobachtung bis hin zum Schnittstellenmanagement mit anderen Versorgungssektoren. Regelmäßige Evaluation erfolgt sowohl im Kontakt mit Patient*innen als auch in Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen. Die Rollenentwicklung ist also ein dynamischer Prozess, der sich ständig verändert und nie vollständig abgeschlossen ist.
APN im Team integrieren
Neben der eigenen Rollenklarheit ist für die APN auch die Organisationsstruktur und die damit verbundene Einbettung im interprofessionellen und interdisziplinären Kontext relevant. Dazu gehören neben der Bereitstellung von Stellen- und Funktionsbeschreibungen, die Sicherstellung von Arbeitsmaterial sowie zeitlicher und räumlicher Ressourcen auch der regelhafte Austausch mit den APN. Die kontinuierliche Auseinandersetzung mit den anderen Berufsgruppen und transparente Kommunikation der eigenen Vorstellungen sowie der Abgleich mit den Erwartungen anderer Gesundheitsfachberufe stellt eine zentrale Aufgabe für das Pflegemanagement dar. Dies ist essenziell für die Akzeptanz der APN im Versorgungsprozess und Voraussetzung für eine optimale Patientenversorgung. Advanced Practice Nurses dienen demnach nicht nur der Weiterentwicklung pflegerischer Versorgungsqualität, sondern leisten einen wichtigen Beitrag zur ganzheitlichen Versorgung.
Pflegefachliche Beratung und Patientenschulung
Die pflegefachliche Beratung ist ein zentraler Verantwortungsbereich einer APN bei dialysepflichtigen Patient*innen. Zu Beginn wird gemeinsam eine Mindmap erstellt, welche die Nierenfunktionen anhand von Bildmaterial darstellt. Physiologische Aufgaben werden in Zusammenhang mit den aktuellen Symptomen erläutert, sodass nachvollziehbar wird, warum bestimmte pflegerische oder therapeutische Maßnahmen notwendig sind. So kann beispielsweise eine eingeschränkte Ausscheidungsfunktion zu Ödemen führen, die durch Trinkmengenbeschränkungen kompensiert werden. Die Mindmap dient zugleich als Ausgangspunkt weiterer pflegerischer Beratungsinhalte. Bei nicht mehr kompensierbaren Symptomen wird in der Regel eine Dialysetherapie eingeleitet, woraufhin gezielt zu Dialyseverfahren, Gefäßzugängen und sicherem Umgang beraten wird. Weitere Inhalte richten sich individuell nach Symptomen, Behandlungsverlauf und Bedarfen der Patient*innen.
Die pflegefachliche Beratung erfolgt mindestens einmal während des stationären Aufenthalts und kann bei Bedarf oder auf Wunsch mehrfach stattfinden. Dauer und Umfang richten sich flexibel nach Vorwissen, Bedürfnissen und Präferenzen der Patient*innen. Inhaltlich umfasst sie die Wissensvermittlung sowie vor allem die Patientenschulung, die ein selbstständiges Krankheitsmanagement ermöglicht:
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Erläuterung der Nierenfunktion und Bedeutung der Therapie
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Anleitung zu pflegerischen Besonderheiten bei Dialysekathetern und Dialyseshunts
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Gemeinsame Schulung zur Funktionskontrolle des Dialyseshunts
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Anleitung und Beratung zum Flüssigkeitsmanagement
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Einbindung von Angehörigen oder ambulanten Pflegediensten oder -einrichtungen
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Erstellung eines pflegerischen Entlassungsberichts
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Telefonisches Follow-up sieben Tage nach Entlassung zur Klärung offener Fragen
Eine sichere und qualitativ hochwertige Dialyseversorgung erfordert nicht nur das erweiterte Fachwissen von APN, sondern auch die Expertise aller in der Versorgung beteiligten Fachpersonen. APN wirken als Multiplikator*innen von Wissen innerhalb des Teams. Sie erstellen interne Fortbildungen, führen Pflegevisiten und Fachgespräche durch, begleiten das Onboarding neuer Pflegefachpersonen und beteiligen sich an pflegewissenschaftlicher Forschung. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass nicht nur einzelne APN, sondern das gesamte interprofessionelle Team über aktuelles Fachwissen verfügt und eine patientenzentrierte, evidenzbasierte Versorgung gewährleistet werden kann.
Rollenakzeptanz der APN
Die Rückmeldungen der Patient*innen, die im Rahmen von Follow-up-Gesprächen, spontanen Befragungen während des Krankenhausaufenthalts oder durch Beobachtungen erhoben wurden, zeigen überwiegend positive Effekte. Patient*innen berichten von erhöhter Sicherheit und Vertrauen durch die Betreuung durch APN. Die Follow-up-Gespräche wurden als unterstützend wahrgenommen. Gleichzeitig wurden herausfordernde Aspekte deutlich. Dazu gehört eine teilweise geringe Bereitschaft der Patient*innen, aktiv am Selbstmanagement teilzunehmen, sowie die eingeschränkte Aufnahmefähigkeit bei hoher Symptomlast während der Akutphase, wodurch die Beratung als belastend erlebt werden kann.
Für dialysepflichtige Patient*innen ist die Aufnahme der neuen Behandlungssituation ein anspruchsvoller Lernprozess, der weit über die Vermittlung von Fakten hinausgeht. Reines Wissen reicht nicht aus, um ein sicheres Selbstmanagement zu entwickeln, entscheidend ist die aktive Beteiligung der Patient*innen, das gemeinsame Erarbeiten von Handlungsstrategien und die wiederholte, alltagsnahe Übung. Viele Betroffene erleben gerade zu Beginn der Dialysephase emotionale Krisen, körperliche Erschöpfung oder ausgeprägte Unsicherheit, was die Aufnahmefähigkeit und Therapieadhärenz erheblich beeinträchtigen kann. Diese Belastungen verdeutlichen, wie wichtig ein sensibles Vorgehen, ausreichend Zeitressourcen und eine vertrauensvolle Beziehungsgestaltung sind. Ein flexibler Umgang mit Lerntempo und Belastbarkeit ist dabei zentral, um Patient*innen weder zu überfordern noch zu entmutigen. Auch innerhalb des interprofessionellen Teams zeigte sich, dass die Einführung der APN-Rolle einen strukturierten Klärungsprozess erfordert. Unklare Erwartungen, ein fehlendes Rollenverständnis oder Unsicherheiten bezüglich Aufgabenabgrenzungen sind besonders zu Beginn eine deutliche Barriere. Trotz sichtbarer Präsenz und aktiver Einbindung war kontinuierliche Aufklärungsarbeit notwendig, um Vertrauen aufzubauen und die erweiterten Kompetenzen der APN verständlich zu machen. Mit zunehmender Implementierung und greifbaren Ergebnissen stieg die Akzeptanz spürbar. Entscheidend hierfür war eine klare professionelle Haltung, transparente Kommunikation und die Unterstützung des mittleren und oberen Managements. Eine empirische Evaluation der Rolle ist wünschenswert, um Wirksamkeit, Akzeptanz und Weiterentwicklung der APN in der Dialyseversorgung systematisch zu untersuchen.
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Bartoldus, R., Baus, D. Selbstpflege bei Dialyse: APN unterstützen Patienten. Heilberufe 78, 54–56 (2026). https://doi.org/10.1007/s00058-025-4023-0
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